Auge um Auge

Liebe Leserinnen und Leser.

Wir sind Menschen. Wir werden pro-sozial geboren, kommen also mit einem Sinn für Gerechtigkeit auf die Welt. Wir wachsen mit Vertrauen in unsere Umgebung und mit freundlichen Gefühlen gegenüber unserer Umwelt auf. Uns ist folglich ein natürlicher Optimismus von Geburt an gegeben.

Einige von uns schaffen es, ihr Leben lang positiv und optimistisch zu bleiben. Sie könnten als naiv bezeichnet werden. Sie könnten von anderen schlecht behandelt, missbraucht oder verletzt werden. Und dennoch, diejenigen von uns, die nicht nur pro-sozial geboren sind, sondern zudem aufgrund von einem hohen Maß an emotionaler Intelligenz resilient und sich ihrer Bedürfnisse und Potenziale bewusst sind, können mit dem Fehlverhalten anderer gut umgehen. Sie bleiben gesund und vermögen es, liebende, teilende, demütige, hilfsbereite und friedvolle Menschen zu sein.

Andere schaffen es mit hohem Energie- und Kraftaufwand für eine Weile, ihr Vertrauen, ihr positives Denken, ihre Fairness, ihre Hoffnungen und guten Gefühle für sich selbst und andere während des ganzen Lebens zu bewahren. Bis sie daran zerbrechen. Aber warum und wie passiert es und was genau bedeutet „zerbrechen“ in diesem Falle?

Zerbrechen kann nur dann passieren, wenn etwas ein Ganzes ist. Was wir natürlich sind, zumindest betrachten wir uns als ganze Menschen, in dem Moment, in dem wir uns im Mutterleib entwickeln, werden wir schon als Ganzes anerkannt. Wir bestehen aus Teilen, die selbst als Ganzes wahrgenommen werden können. Wie unser Herz, welches leicht zerbricht, nämlich dann, wenn sich eines Tages unsere große Liebe von uns abwendet. Auch unser individuelles Glaubenssystem zählt als ein Ganzes. Unser persönliches Glaubenssystem zerbricht, wenn das, was wir glauben, wie zum Beispiel Gerechtigkeit, nicht mehr gegeben ist. Gerechtigkeit existiert für uns, wenn sich die Dinge ziemlich gleichmäßig untereinander ausgleichen, wie 50:50 oder 40:60 in Prozent in einer Richtung. Es wird immer noch als „fair“ angesehen, wenn wir selbst ein kleines Auto fahren und der Nachbar seinen Porsche. Es ist immer noch in Ordnung für uns, wenn wir jeden Tag zu Hause eine Brotzeit essen, während der Nachbar täglich zum Abendessen in ein teures Restaurant geht. Wir fühlen uns immer noch gut, wenn wir weniger Kleider im Schrank haben als unsere Freundin. Aber wenn wir eine größere Dysbalance zwischen uns und unserer Umgebung wahrnehmen, fühlen wir uns ausgeschlossen, nicht gut behandelt und geringer im Wert als die anderen. Wir könnten hungrig sein, wenn ein anderer isst. Wir frieren vielleicht, während ein anderer im Haus gemütlich an seinem Kamin sitzt. Wir könnten chronische Schmerzen haben und sehen, wie sich die anderen frei und beschwerdefrei bewegen können. Wenn unser Glaubenssystem auseinanderbricht, beginnen wir, uns auf Sprichworte wie „Auge um Auge“ oder „Zahn um Zahn“ zu besinnen. „Wenn mein Nachbar das besitzt, muss ich es auch haben. Wenn mein Freund sich pro Jahr drei Urlaube am Meer leisten kann, sollte es mir auch möglich sein. Wenn mein Kollege besser bezahlt wird als ich, warum sollte ich nicht so viel Zeit im Büro verbringen wie er.“

Wir können dies leicht in Sätze umwandeln, wie: wenn ich es nicht haben, tun oder sagen kann, dann sollte es der andere ebenso nicht haben, tun oder sagen dürfen. Wir fangen an, Neid zu entwickeln, gierig oder eifersüchtig zu werden und egoistische Verhaltensweisen zu entwickeln. Das Leben wird eher stressiger als dass es freudvoll bleibt, also so, wie es einmal war, bevor wir auf „Auge um Auge“ stießen.

Das Ergebnis ist ein Unwohlsein auf jeder physischen, psychologischen oder sogar sozialen Ebene unseres Lebens, denn Stress kann alles von körperlichem Schmerz über emotionales Unwohlsein bis hin zu soziales Fehlverhalten hervorbringen. Und genauso wie wir zu pro-sozialen Menschen geboren werden, wird plötzlich das neue Verhalten, den Nutzen für unser persönliches Selbst zu maximieren, ein „natürliches“ Vorgehen. Auf der einen Seite scheinen wir die „Auge um Auge“-Sache geerbt zu haben, weil sie bereits auf der DNA unserer Vorfahren saß, auf der anderen Seite werden wir vom ersten Atemzug an zu wettbewerbsorientierten Egoisten erzogen.

Ich nenne es „zerbrechen“, denn so fühlt es sich für mich an. Die Maximierung unserer Vorteile könnte am Anfang gut für den Einzelnen aussehen und sich großartig anfühlen. Es dient unserem Wohlbefinden und lässt uns als eine ganze, reiche und glückliche Person fühlen. Doch mit dieser gefühlten Ganzheit kommt vielleicht Angst, die Angst Dinge Menschen oder Situationen zu verlieren. Mit dieser Ganzheit kommt unter Umständen auch Eifersucht, die Eifersucht, nicht die gleichen Eigentümer zu haben, die andere besitzen. Mit der neuen Ganzheit kommt auch die Leere. Leere, weil wir uns fast immer danach sehnen, mehr zu haben als wir schön haben.

Es ist ein Teufelskreis. Wir wollen intuitiv Gerechtigkeit. Wenn Gerechtigkeit nicht möglich ist, fühlen wir uns gestresst, weil die Dinge nicht ausgeglichen scheinen. Sie sind schlicht und ergreifend einfach nicht fair. Dies sorgt für Probleme in unserem Körper, dem Geist und der Seele. Wir fühlen uns schlecht und unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit leiden darunter. Unsere Gedanken, Worte und Handlungen ändern sich und richten sich nicht mehr aus an Gerechtigkeit, Liebe, Demut oder am Dienst für die anderen Menschen, sondern führt zu angstvollen, negativen und irreführenden Gedanken, Worten und Handlungen. Unser angeborenes pro-soziales Verhalten verändert sich zu einem gefühlten und erlebten angeborenen antisozialen Verhalten. Am Ende hat unsere eigene Umwelt keine Wahl, selbst auch unter unserem Fehlverhalten zu leiden. Es leidet die Welt.

Nun, da die Welt leidet, ist es bereits vorhanden, das Ungleichgewicht. Die Gesellschaft, in der wir leben, ist nicht mehr fair. In einigen Teilen der Welt leiden die Menschen an Krankheiten, Hunger, Armut, Krieg, Naturkatastrophen, Unsicherheit oder Angst, während das Leben in anderen Teilen der Welt einfach zu sein scheint, die Menschen haben genug von allem, sogar mehr als genug. Unser kollektives gesellschaftliches Glaubenssystem zerbricht. Die Welt wird nicht länger als Ganzes betrachtet. Menschen sind nicht mehr Eins mit ihrer Umgebung. Es gibt keine eine Gerechtigkeit, keine eine Gesundheit, keine eine Lebensfreude. Wir als Individuen und Gruppen und Gesellschaften als Kollektive glauben nur an „mehr für mich, meine Gruppe, mein System“. Wir fangen an zu vergleichen, wir beginnen opportunistisch und egoistisch zu werden und uns als Individuum, Gruppe oder Gesellschaft schlecht zu benehmen. Das Leben wird zum Kampf, zum Stress, zum Schlachtfeld. Anstatt zu bleiben, was es ursprünglich sein sollte und wollte: ein Ort voller Freude, Liebe und Frieden.

Aber, wie ich es zumindest zu Beginn schrieb, es gibt sie auch in dieser verkehrten Welt noch: Individuen, Gruppen und Gesellschaften, die widerstandsfähig und sich ihrer Bedürfnisse und Potenziale bewusst sind. Sie sind optimistisch und hoffnungsvoll. Und sie schaffen weiterhin, Gleichgewicht zu erzeugen und zu bewahren. Diese Menschen und Nationen erfreuen sich sogar in dieser Welt noch daran, gerecht, achtsam, liebevoll, teilend, demütig und friedlich zu bleiben.

Sie könnten als naiv bezeichnet werden. Sie könnten von anderen schlecht behandelt, missbraucht oder verletzt werden. Aber nur, solange sie einer Minderheit angehören. Und in jenem Moment, in dem das Ungleichgewicht verschwindet, übernehmen Liebe, Frieden und Freude das Zepter und verbannen Hass, Krieg und Unwohlsein.

Dies kann jedoch nur mit einem Paradigmenwechsel geschehen. Und wenn es nicht mit uns Menschen im Jetzt und Hier passiert, auf unserer Welt im 21. Jahrhundert, wird das Ungleichgewicht immer größer. Versöhnung und Ganzheit kann nur stattfinden, wenn wir heute schon mit dem Heilungsprozess beginnen.

Wir sind gute Wesen, genannt Menschen. Wir werden pro-sozial geboren und kommen mit einem Sinn für Gerechtigkeit auf die Welt. Wir wachsen mit Vertrauen in unsere Umgebung und mit freundlichen Gefühlen gegenüber unserer Umwelt auf. Warum sollten wir plötzlich „Auge um Auge“ oder „Maximierung unseres eigenen Nutzens“ als natürlich betrachten?

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