We only own the moment

Uns gehört nur der Moment

Liebe Leserinnen und Leser.

Wer sind wir? Wir können uns selbst definieren, über das, was wir haben. Was wir haben, ist der Besitz von Dingen, die wir sehen oder berühren können wie Konsumgüter, Freunde oder Familienmitglieder. Gleichzeitig können wir uns über das definieren, wer wir sind. Wer wir sind, ist was wir Fühlen und Denken, das also, was unsere Überzeugungen, Worte und Verhaltensweisen ausmachen. Wie definieren wir uns dann? Definieren wir das Menschsein nun über das, was wir haben, über das, wer wir sind oder vielleicht über beides?

Im Buddhismus gibt es ein Sprichwort, „you only own the moment“, das besagt, dass unser einziges Eigentum unsere Gedanken, Worte und Handlungen sind. Was bedeutet dieses Sprichwort nun für die Frage nach dem Eigentum? Und was passiert dadurch mit unserem Verantwortungsgefühl? Welchen Einfluss hat es auf unsere Überzeugungen? Was können wir wirklich besitzen? Was können wir wirklich kontrollieren? Was ist die Definition unseres eigenen Seins? Wie können wir Werte für unser Wohlbefinden als Individuum und als Gesellschaft schaffen? Vielleicht sollten wir in Bezug auf das buddhistische Sprichwort und all die Fragen, die es aufwirft, damit beginnen, uns selbst zu hinterfragen. Was ist es denn, was wir als unser Eigentum betrachten? Das Auto? Die Webseite? Das Haus? Die Kinder? Der Garten? Die Angestellten? Der Hund? Der Wohnort? Das Wissen? Der Fernseher? Und was ist dann „gemeinsames“ Eigentum? Und in welchem ​​Entwicklungsstadium sind wir heutzutage, im Hier und Jetzt? Wie gut funktioniert unsere Wirtschaft, unser Sozialsystem, unsere Lebensweise, heute, im 21. Jahrhundert und für jedes einzelne Lebewesen auf dem Planeten?

Das letzte Wirtschaftssystem, das wir hatten oder noch haben, war die so genannte „Soziale Marktwirtschaft“. Der Neoliberalismus brachte es mit sich, und es wurde dabei versucht, die Erträge des Marktes gleichmäßig und gerecht unter den Bürgern zu verteilen. Diese sogenannte „Verteilungsgerechtigkeit“ geht zurück bis zu Aristoteles. Die Soziale Marktwirtschaft versucht, die Marktfreiheit – um ein Maximum an Wohlstand zu schaffen – mit sozialer Sicherheit und Gerechtigkeit zu kombinieren, um so gut wie möglich eine Vollbeschäftigung zu gewährleisten und Ressourcen sowie Produkte fair unter allen Gesellschaften und Menschen aufzuteilen.

Die neoliberalistische Wirtschaftsweise förderte Freihandelssideen und kam – mit ihren unterschiedlichen Konzepten des Dezentralisierens, des Teilens von Gütern und der Allokation von Ressourcen – nahe an das buddhistische Sprichwort „you only own the moment“ heran. Denn es will ausdrücken, dass unser einziges Hab und Gut unsere Gedanken, Wörter und Aktionen sind. Leidet hat uns das Leben das Gegenteil gelehrt. Denn Menschen haben Bedürfnisse und Wünsche, wir konsumieren sogar ohne nachzudenken in unserer achtsamen Gesellschaft, in der wir gelernt haben zu teilen. Jeder von uns hat seine individuellen Bedürfnisse und Besitztümer, man spricht von 10.000 Gegenständen, die ein einzelner von uns im Schnitt besitzt. Und obwohl wir wissen, dass ein gesunder Planet, Biodiversität, Produktion und Verteilung sich gegenseitig beeinflussen, und auch Knappheit und Reichtum weltweit betreffen, gehen wir immer noch mit unserer Erde und ihren Ressourcen um, als wären sie unendlich.

Wenn wir doch nur erkennen würden, dass nichts auf dieser Welt uns oder anderen gehört. Und wenn wir es mehr noch, reflektieren und verstehen würden. Würde es unsere Gefühle, Gedanken und Handlungen beeinflussen? Was würde dann mit unserem Ego, unserem Neid, unserem individuellen Eigentum geschehen? Würde dann Liebe, Mitgefühl, Friede oder Heilung entstehen und in uns sowie in der Welt gedeihen? Welche Eigentümer können wir als Gesellschaft haben, wenn „wir nur den Moment besitzen“? Wie können wir diese Gedanken in die sich entwickelnde Gesellschaft, in die sich verändernden Umweltbedingungen, in unser zukünftiges Wohlergehen transportieren?

Tausende von Zellen in unserem Körper sind in diesem Moment nicht dieselben wie gestern, einige sind gestorben, einige sind geboren und viele haben sich verändert. Das Wissen, das wir gestern erst dazulernten, ist heute schon ein anderes geworden, wurde überdacht oder verändert. Das Essen, das wir letzte Woche gekauft haben, ist mittlerweile schon gehackt, gekocht, gegessen oder das Obst hat seine Farbe verändert. Das Auto, das wir letztes Jahr gekauft haben, hat schon einige Stöße erlebt, das Innere war früher sauberer und wir denken darüber nach, bald ein neues zu kaufen. Das Haus, in dem wir leben, ist immer „under construction“, seit wir es besitzen, oder zumindest ein Zimmer, ein Fenster, ein Bücherregal. Der Frühling folgt dem Winter, der Herbst folgt dem Sommer, Jahr für Jahr. Der heutige Frühling ist jedoch anders als im Frühling des vergangenen Jahres, wir beeinflussen das Klima und gleichwohl unsere Umgebung mit jeder Aktion, für die wir uns entscheiden und mit jedem Wort, das wir sagen.

Im Zeitalter des Anthropozän sind wir, die Menschen, verantwortlich dafür, dass das Leben um uns herum so ist, wie es ist. Wir sind diejenigen, die die Entwicklung unserer Welt wirklich mitgestalten können. Laut dem buddhistischen Sprichwort ist es wichtig, dabei sehr sorgsam vorzugehen. Denn wir können unsere Gedanken, Worte, Verantwortlichkeiten und Handlungen für jeden Moment, der uns gehört, neu strukturieren und überdenken. Und das können wir in jedem Moment tun, in dem wir uns befinden, denn in der nächsten Situation hat sich der Kontext bereits geändert. Das heißt, Situationen, Dinge, Besitztümer, Zustände des Seins, sie alle gehen wieder vorüber. Wir besitzen nichts und Eigentum ist kein fester Zustand, sondern es handelt sich um einen dynamischen Prozess. In jedem Moment ändert sich mindestens eine Sache, ein Gedanke, ein Gefühl. Wir sind in jeder Sekunde jemand neues.

Diese Überlegung gibt uns die Möglichkeit, hoffnungsvoll zu bleiben. Hoffnungsvoll in dem Sinne dessen, dass wir Schritt für Schritt mithelfen können, die Welt zu einem schöneren Ort für alle zu verändern. Wir können heute in einem Krieg gegen unseren Nachbarn kämpfen. Dennoch können wir den gleichen Moment in Frage stellen, ob Hass wirklich die angemessene Antwort ist oder ob wir es stattdessen mit Liebe versuchen könnten. Heute ist vielleicht Rache die richtige Reaktion, morgen könnte es Vergebung sein. Die Idee, dass uns nichts persönlich gehört, ist das Gesetz der Welt – sogar die Veränderung unserer Identität – die Idee, dass alles fließt sowie der Gedanke, dass wir selbst für unser Handeln verantwortlich sind, geben uns die Erlaubnis, an jeder neuen Kreuzung, der wir begegnen in eine andere Richtung abzubiegen.

Wenn uns nichts gehört außer dem Moment, muss nichts mehr kontrolliert werden, nichts mehr muss in einer Schublade festgehalten oder versteckt werden. Wir können alles loslassen, weil wir wissen, dass es vorübergehen wird, sobald es wieder gebraucht wird. Diese Art zu denken gibt uns die Möglichkeit, den Moment zu umarmen und ihn nach Bedarf mit anderen zu teilen. Wir können Ressourcen, Freunde, Gedanken und Gefühle teilen. Wir können Liebe und Freude teilen. Wir erlernen die Verantwortung neu, achtsam und mitfühlend zu sein.

Mit Achtsamkeit können wir Debatten führen und aktiv werden, im Umweltschutz und Umgang mit Ressourcen, im Prozess, Gerechtigkeit und Frieden zu schaffen. Mitgefühl hilft uns dabei, allen Wesen in unserer Umgebung mit offenem Herzen zu begegnen und sie zu behandeln, als wären sie wir selbst, egal, wer sie sind, wie groß oder klein sie sind und welcher ethnischen Gruppe sie angehören.

Wir sollten erkennen, dass unser Sein beides von uns verlangt, ein kollektives, für die Welt um uns herum verantwortungsvolles Leben zu führen und eine individuelle Perspektive auf der Welt einzunehmen, die uns selbst reflektiert und achtsam sein lässt. Die Sichtweise, mit der wir die Welt betrachten, sowie unser Umgang mit Situationen gehören uns selbst. Denn wir lernen aus eigener Erfahrung, nicht von anderen, die uns durch das Leben manipulieren oder führen. Wir können uns selbst vertrauen, unsere eigenen Denkfähigkeiten zu entwickeln, zu reflektieren, zurückzutreten und mit Vernunft und gesundem Menschenverstand zu handeln.

Ich denke dabei an Fake News oder vielversprechende Reden von Politikern vor Wahlen. Woran glauben wir und wem vertrauen wir? Wenn wir nur den Moment besitzen, sollten wir uns in ebendiesem nicht mehr auf Faktoren von außen verlassen, ohne diese zu hinterfragen und das Gehörte hinzunehmen und einfach zu glauben. Wir würden im status quo stecken bleiben und dabei wertvolle Energie der Weiterentwicklung verlieren. Und wir würden unsere mögliche Reichweite begrenzen. Denken Sie nur an Träume und Visionen, die wir haben. Wie können sie jemals passieren, wenn wir uns selbst und unser Hab und Gut kontrollieren?

Im Jahr 2007 begann die Krise, die der Neoliberalismus und die soziale Marktwirtschaft – einst als brillante Idee gefeiert – mit sich brachten. Wie konnte das passieren? Weil Besitz und Besitz noch in den Köpfen der Menschen sind? Bedeutet das, dass freie Märkte nichts verändert haben? Oder wenn sie es haben, nicht in Richtung eines gesünderen Planeten oder einer wohlhabenderen Gesellschaft als Ganzes? Wahrscheinlich nicht, denn augenscheinlich führte es vielmehr zu noch mehr Gier, noch mehr Ungleichgewicht des Reichtums und sogar zu einem lauteren Ruf nach mehr staatlicher Regulierung.

Der Satz, dass unsere Gedanken zu unseren Taten werden, ist nur dann wahr, wenn wir wirklich anfangen, sie in diese zu übersetzen. Ja, wir könnten sagen, es ist ein guter Gedanke, dass wir nichts besitzen als den Moment. Aber wir sind vielleicht nicht mutig genug, um es zu leben. Dennoch ist es an der Zeit, Verantwortung für unser Leben zu übernehmen, nicht im Denken stecken zu bleiben, sondern aktiv zu werden. Wenn wir von Zeit zu Zeit unsere Aktionen stoppen und uns hinsetzen, uns des Moments bewusstwerden, beginnen wir klar zu erkennen, was es bedeutet, sich mit der Welt zu verbinden. Wenn wir öfter anhalten oder uns auf eine tiefgründige Weise bewusstwerden, können wir sogar unsere Mutter Erde sehen, hören und fühlen. Sitzen und Fühlen, Meditieren, helfen uns, Aktionen der Veränderung selbstsicherer durchzuführen sowie unser Leben mit mehr Verantwortung und Disziplin leben zu können.

Wir sollten uns darüber im Klaren sein, wie viel Essen und Trinken wir wirklich brauchen, um zu überleben. Wir sollten uns mit dem Müll auseinandersetzen, den wir produzieren, wir sollten den Kunststoff sehen, den wir verwenden, oder das Geld, das wir für Güter ausgeben, die wir nicht unbedingt brauchen. Wir sollten etwas unternehmen, indem wir zu Fuß oder mit dem Fahrrad fahren anstatt das Auto zu nehmen. Oder indem wir einfach geduldiger, freundlicher und liebevoller werden.

Unser Leben verändern wir nicht über Nacht. Deshalb sollten wir heute, genau in diesem Moment, beginnen. Beginnen wir mit kleinen Schritten, oder wie Prometheus einmal sagte: „Große Dinge haben kleine Anfänge.“

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